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Polykrise: Was tun, wenn die Welt an allen Enden brennt?

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| Redaktion "Geradegerückt" | aktuell

von Jakob Hagedorn

Russlands Krieg gegen die Ukraine, der anhaltende Konflikt im Gazastreifen, die COVID-19-Pandemie sowie eskalierende Klima- und Biodiversitätskrisen – wir leben in einer Welt miteinander verknüpfter Krisen: einer Polykrise [1].

Gerade in einer Demokratie, deren Stärke sich in der mündigen Teilhabe ihrer Bürgerinnen und Bürger zeigt, ist es entscheidend, diese Verflechtungen zu erkennen und ihnen mit langfristigem Denken zu begegnen. Denn auch wenn viele dieser Krisen auf globaler Ebene entstehen, beeinflussen sie unser Leben vor Ort, sei es durch steigende Lebenshaltungskosten, durch politische Radikalisierung oder durch ökologische Veränderungen, die unser Lebensumfeld bedrohen.

Dennoch betrachten viele von uns Krisen immer noch als vorübergehende Hindernisse und nicht als systemische Herausforderungen, die langfristige Lösungen erfordern. Wenn wir die vernetzte Natur dieser Probleme erkennen, können wir damit beginnen, Lösungen zu entwickeln, die über schnelle Abhilfe hinausgehen.

Ein neues Netzwerk an Krisen

Um diese Verflechtungen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die COVID-19-Pandemie. Weltweite wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das SARS-CoV-2-Virus wahrscheinlich von Fledermäusen stammt [2]. Wie alle Arten benötigen Fledermäuse bestimmte Umweltbedingungen, um als Habitat geeignet zu sein. Der Klimawandel hat diese Bedingungen verändert, wodurch Tiere näher an menschliche Wohngebiete heranrücken und das Risiko einer Virusübertragung steigt [3]. Auch wenn die Forschung noch über direkte Wirkungszusammenhänge debattiert [4], ist klar, dass der Klimawandel das Risiko von Krankheitsausbrüchen erhöht [5].

Dieser erste Ausbruch entwickelte sich zu einer weltweiten Pandemie, deren Konsequenzen sich in mehreren Krisen verzweigten. Die epidemiologische Reaktion auf diesen Ausnahmezustand führte zu einer globalen Wirtschaftskrise [6]. Einige Studien deuten darauf hin, dass diese Reaktion auch zu einer weltweiten Krise der psychischen Gesundheit geführt hat, da Millionen von Menschen unter Isolation, Unsicherheit und finanziellen Sorgen litten [7].

Diese Entwicklung geht weit über die Pandemie hinaus. Expert*innen des Weltwirtschaftsforums warnen, dass sich Ressourcenknappheit, Klimawandel und geopolitische Instabilität bis 2030 zu einer Polykrise weiter verschärfen dürften [8]. Jede dieser Krisen wäre für sich genommen eine Herausforderung, aber zusammen verstärken sie einander.

Warum gerade jetzt?

Ein Grund dafür ist die beispiellose globale Vernetzung. Im 14. Jahrhundert wütete die Pest in Europa [9], doch Regionen wie Südamerika blieben weitgehend verschont [10], bis die Kolonialmächte die Krankheit Jahrhunderte später einschleppten. Begrenzter Handel und eingeschränkte Mobilität hielten Krisen damals geografisch lokal. Heute dagegen können sich Ereignisse blitzschnell global ausbreiten. Die Blockade des Suezkanals im Jahr 2021 beispielsweise unterbrach weltweite Lieferketten. Ich konnte in Berlin keine Fahrradteile kaufen [11], weil ein Schiff auf einem anderen Kontinent festsaß. Ebenso verursachte ein großflächiger Ausfall von Windows-Geräten im Juli letzten Jahres einen finanziellen Schaden von mindestens 10 Milliarden Dollar [12]. Eine standardisierte und globalisierte Welt hat viele Vorteile, aber auch Risiken mit sich gebracht.

Ein zweiter Faktor ist das Ausmaß des heutigen Ressourcenverbrauchs und der Umweltverschmutzung. Seit 1950 hat die Menschheit mehr als die Hälfte aller jemals produzierten Energie verbraucht [13]. Das bedeutet, dass wir in den letzten 75 Jahren mehr Energie verbraucht haben als in den 200.000 Jahren zuvor zusammen. Diese Entwicklung ist Teil der sogenannten „Great Acceleration“ [14]. Dieser rasante Verbrauch destabilisiert die lebenswichtigen Systeme der Erde, verschärft den Klimawandel und das Artensterben und verringert die Widerstandsfähigkeit unseres Planeten gegenüber Krisen [15].

Drei Kernideen für eine Lösung der Polykrise

Die Bewältigung einer Polykrise erfordert mehr als nur die Anerkennung ihrer Existenz, sie erfordert eine grundlegende Veränderung unseres Denkens und Handelns im Umgang mit Krisen. Einige mögen den Begriff als bloßes „Buzzword” abtun, als eine neue Art zu sagen, dass „viele schlimme Dinge gleichzeitig passieren“. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit bestätigt diese Einschätzung und zeigt, dass der wissenschaftliche Diskurs die Polykrise als Bündel kausal verflochtener Krisen mit systemübergreifenden Rückkopplungen versteht [16]. Wir müssen die Wechselwirkungen zwischen Krisen verstehen, um wirksame Strategien zu ihrer Bewältigung entwickeln zu können.

Erstens müssen wir erkennen: Diese Krisen verschwinden nicht einfach. Laut dem Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) wird der Wettbewerb um lebenswichtige Ressourcen wie Wasser und Nahrung, wenn er sich fortsetzt, weltweit zu einem Absinken des Lebensstandards führen, selbst in den reichsten Industrieländern [17]. Diese Realität anzuerkennen hilft, die Resilienz aufzubauen, die wir für die kommenden Jahrzehnte brauchen.

Zweitens brauchen wir ein besseres Verständnis dessen, was geschieht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen oft isolierte Aspekte von Krisen, ohne die größeren Zusammenhänge zu verstehen. Ökonominnen erkennen vielleicht, dass der Klimawandel Ungleichheiten verschärft, übersehen aber, wie er politischen Extremismus schürt. Klimaforscherinnen verstehen die ökologischen Auswirkungen, aber weniger die sozioökonomischen Folgen. Organisationen wie das Cascade Institute setzen sich für eine systematische globale Erforschung dieser Zusammenhänge ein [18]. Gerade in Zeiten, in denen politische Gruppen wissenschaftliche Erkenntnisse negieren, sollte Deutschland seine Ressourcen nutzen, um diese interdisziplinäre Forschung zu fördern.

Schließlich erfordert die Bewältigung der Polykrise erhebliche menschliche und finanzielle Investitionen in systemische Lösungen. Für Regierungen ist es oft psychologisch und finanziell „billiger“, akute Symptome zu bekämpfen. Soforthilfe ist oft entscheidend, bekämpft aber nicht die Ursachen. Langfristige Lösungen erfordern Investitionen in Wissenschaft, Infrastruktur, erneuerbare Energien, Bildung und soziale Reformen. Auch wenn diese auf den ersten Blick teuer erscheinen, sind die sozialen und finanziellen Kosten einer Krise um ein Vielfaches höher. Welche Folgen eine langfristige Vernachlässigung dieser Grundlagen hat, zeigt sich derzeit deutlich im deutschen Verkehrssystem. Der desolate Zustand vieler Straßenbrücken und die überlastete Infrastruktur der Bahn sind hierfür nur zwei Beispiele. Daraus sollten wir Lehren ziehen.

Abschließende Gedanken

Die Frage ist nicht, ob diese Krisen unsere Zukunft prägen werden, sondern, ob wir den Mut aufbringen, unsere Antwort darauf mitzugestalten.

Gerade in Zeiten, in denen populistische und autoritäre Strömungen einfache Antworten auf komplexe Probleme versprechen, ist es wichtiger denn je, differenziert zu denken und zu handeln. Eine widerstandsfähige Demokratie braucht informierte, engagierte Menschen, die sich nicht mit Symptombehandlung zufriedengeben, sondern an den Ursachen ansetzen.

Wir alle, in der Wissenschaft, in der Politik, in der Zivilgesellschaft, sind gefragt, nicht nur Beobachter*innen der Krisen zu sein, sondern Teil einer solidarischen und gerechten Antwort.

 

[1] M. Lawrence, T. Homer-Dixon, S. Janzwood, J. Rockstöm, O. Renn, and J. Donges, “Global Polycrisis: The Causal Mechanisms of Crisis Entanglement,” Glob. Sustain., vol. 7, pp. 1–36, Jan. 2024, doi: 10.1017/sus.2024.1.

[2] P. Zhou et al., “A pneumonia outbreak associated with a new coronavirus of probable bat origin,” Nature, vol. 579, no. 7798, pp. 270–273, Mar. 2020, doi: 10.1038/s41586-020-2012-7.

[3] R. M. Beyer, A. Manica, and C. Mora, “Shifts in global bat diversity suggest a possible role of climate change in the emergence of SARS-CoV-1 and SARS-CoV-2,” Sci. Total Environ., vol. 767, p. 145413, May 2021, doi: 10.1016/j.scitotenv.2021.145413.

[4] A. Tandon, “Scientists sceptical of new bat study linking climate change to Covid-19 emergence,” Carbon Brief. Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.carbonbrief.org/scientists-sceptical-of-new-bat-study-linking-climate-change-to-covid-19-emergence/

[5] T. de Oliveira and H. Tegally, “Will climate change amplify epidemics and give rise to pandemics?,” Science, vol. 381, no. 6660, p. eadk4500, Aug. 2023, doi: 10.1126/science.adk4500.

[6] International Monetary Fund, “Global Financial Stability Report, October 2021: COVID-19, Crypto, and Climate: Navigating Challenging Transitions,” in Global Financial Stability Report, October 2021, International Monetary Fund, 2021. Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.elibrary.imf.org/display/book/9781513595603/9781513595603.xml

[7] J. Torales, M. O’Higgins, J. M. Castaldelli-Maia, and A. Ventriglio, “The outbreak of COVID-19 coronavirus and its impact on global mental health,” Int. J. Soc. Psychiatry, vol. 66, no. 4, pp. 317–320, June 2020, doi: 10.1177/0020764020915212.

[8] “The Global Risks Report 2023,” Glob. Risks Rep., 2023, Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/

[9] J. J. Mark, “Effects of the Black Death on Europe,” World Hist. Encycl., Apr. 2020, Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.worldhistory.org/article/1543/effects-of-the-black-death-on-europe/

[10]           Á. A. Faccini-Martínez and H. A. Sotomayor, “Historical review of the plague in South America: a little-known disease in Colombia,” Biomed. Rev. Inst. Nac. Salud, vol. 33, no. 1, pp. 8–27, 2013, doi: 10.1590/S0120-41572013000100002.

[11]           J. Jaganathan, “Suez Canal blockage adds strain to global supply chains,” Reuters, Mar. 26, 2021. Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.reuters.com/article/world/middle-east/suez-canal-blockage-adds-strain-to-global-supply-chains-idUSKBN2BI13B/

[12]           L. K. Wee, “Here comes the wave of insurance claims for the CrowdStrike outage,” Business Insider. Accessed: Nov. 25, 2025. [Online]. Available: https://www.businessinsider.com/businesses-claiming-losses-crowdstrike-outage-insurance-billions-losses-cyber-policies-2024-7

[13]           J. Syvitski et al., “Extraordinary human energy consumption and resultant geological impacts beginning around 1950 CE initiated the proposed Anthropocene Epoch,” Commun. Earth Environ., vol. 1, no. 1, p. 32, Oct. 2020, doi: 10.1038/s43247-020-00029-y.

[14]           W. Steffen, W. Broadgate, L. Deutsch, O. Gaffney, and C. Ludwig, “The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration,” Anthr. Rev., vol. 2, no. 1, pp. 81–98, Apr. 2015, doi: 10.1177/2053019614564785.

[15]           K. Richardson et al., “Earth beyond six of nine planetary boundaries,” Sci. Adv., vol. 9, no. 37, p. eadh2458, Sept. 2023, doi: 10.1126/sciadv.adh2458.

[16]           J. J. Rakowski et al., “Characterizing the Global Polycrisis: A Systematic Review of Recent Literature,” Annu. Rev. Environ. Resour., vol. 50, no. Volume 50, 2025, pp. 159–183, Oct. 2025, doi: 10.1146/annurev-environ-111523-102238.

[17]           Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Ed., “Summary for Policymakers,” in Global Warming of 1.5°C: IPCC Special Report on Impacts of Global Warming of 1.5°C above Pre-industrial Levels in Context of Strengthening Response to Climate Change, Sustainable Development, and Efforts to Eradicate Poverty, Cambridge: Cambridge University Press, 2022, pp. 1–24. doi: 10.1017/9781009157940.001.

[18]           T. Homer-Dixon, O. Renn, J. Rockstrom, J. F. Donges, and S. Janzwood, “A Call for An International Research Program on the Risk of a Global Polycrisis,” Dec. 16, 2021, Social Science Research Network, Rochester, NY: 4058592. doi: 10.2139/ssrn.4058592.

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